„Ich hab’s dir doch gleich gesagt.“ Das war die Reaktion von Domenik Grußmanns Mutter, als er sich für seine neue Ausbildung entschieden hat. Und die Mama von Stephanie Rakotoniaina? „Die ist sehr stolz auf mich, dass ich mich dafür entschieden habe.“ Die beiden haben völlig unterschiedliche Leben hinter sich. Doch bei der Evangelischen Stiftung Lichtenstern in Löwenstein bei Heilbronn haben sie ihre Berufung gefunden: eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger, kurz HEP. Lichtenstern unterstützt mit rund 750 Mitarbeitern insgesamt mehr als 1.000 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung sowie deren Familien im Stadt- und Landkreis Heilbronn sowie im Hohenlohekreis.
Und genau das ist auch der Kern der Tätigkeit des Ausbildungsberufs, für den sich Domenik Grußmann und Stephanie Rakotoniaina entschieden haben: Ein Heilerziehungspfleger betreut, begleitet und unterstützt Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung. Und zwar jedes Alters. Das Ziel ist dabei, den Menschen so weit eine Stütze zu sein, dass diese ihren Alltag möglichst selbstständig führen können.
Die Arbeit eines Heilerziehungspflegers
Der konkrete Kontakt und die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Klienten ist seitens der Heilerziehungspfleger ganz individuell, wie die Menschen es ebenfalls sind. Dies kann zum Beispiel das Begleiten beim Einkauf, das gemeinsame Kochen oder die Unterstützung bei bürokratischen Vorgängen oder beim Nachgehen von Hobbys sein – je nach Grad der jeweiligen Behinderung. Ein entscheidender Tätigkeitsbereich ist auch die Unterstützung bei der Ausübung des Berufs oder dem Erreichen des Schulabschlusses.
Elektriker, Zimmermann – Domenik Grußmann aus Obersulm im südlichen Landkreis Heilbronn hatte nach der Mittleren Reife schon einige Versuche hinter sich, den richtigen Beruf für sich zu finden. „Irgendwie hat mich aber nichts davon erfüllt“, sagt der 27-Jährige. Seine Mutter arbeitet auch in der Heilerziehungspflege. Also bewirbt er sich, reist für den Hospitationstag extra aus Hamburg an – und weiß sofort: Heilerziehungspfleger – das ist es. Grußmann: „Ich bin in die Wohngruppe reingekommen, war schon etwas zurückhaltend, weil ich zuvor noch nie was mit Menschen mit geistiger Behinderung zu tun hatte. Aber die kamen alle auf mich zu, begrüßten mich herzlich und haben sich gefreut.“ Ein tolles Gefühl. „Ich finde es extrem schön, personenzentriert zu arbeiten und diese Menschen langfristig zu begleiten“, erzählt der Hobbytätowierer.
Als Azubi in der Evangelischen Stiftung Lichtenstern
Stephanie Rakotoniaina kommt aus Madagaskar. Weil es nach dem Abitur nicht gleich mit einem Studienplatz klappt, beginnt sie einen Deutschkurs. Dann kommt Corona – und nichts geht mehr. Ein neuer Plan muss her. Und der heißt Au-pair in Deutschland, genauer in Hessen. „Ich habe eine Schwester mit Trisomie 21. Als ich von der Ausbildung in der Heilerziehungspflege gehört habe, dachte ich. Es ist Zeit für was Neues.“ Bei ihrer Suche nach einem Platz für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) stößt sie auf zwei – eine in Freiburg und auf Lichtenstern im Landkreis Heilbronn. Der Möglichkeit auf dem Land gibt sie den Vorzug. 17 Monate dauert ihr FSJ, bevor die 22-Jährige – wie Grußmann – im vergangenen Herbst ihre Ausbildung beginnt.
Beide wohnen auf dem Gelände der Stiftung Lichtenstern südlich von Heilbronn. Von dort pendeln sie auch gemeinsam mit einer dritten Azubine zur Berufsschule nach Schwäbisch Hall. Meistens sind es vier Wochen Praxis und zwei Wochen Schule im Wechsel, das variiert aber im Laufe der Lehrjahre. „Im ersten Jahr haben wir zum Beispiel unser Wissen über die Grundpflege vertieft. Als angehende Heilerziehungspfleger lernen wir aber auch Psychologie und etwas über die Entwicklungsschritte des Menschen“, erzählt Grußmann. Unterschiedliche Krankheitsbilder und deren Auswirkungen, aber auch kreative Projekte planen und diese umzusetzen gehören zum Lehrplan. Grußmann: „Wir lernen zudem, wie wir mit herausforderndem Verhalten umgehen.“ Einmal im Monat treffen sich alle Azubis zum Austausch.
Heilerziehungspfleger: Ausbildung und Gehalt
Die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger dauert in der Regel zwei bis drei Jahre. Voraussetzung für den Beruf ist die Mittlere Reife. Wer als Heilerziehungspfleger arbeiten möchte, sollte Interesse am Umgang mit Menschen haben, psychisch sowie physisch belastbar sein, Einfühlungsvermögen und ein hohes Maß an Sorgfalt mitbringen, etwa, wenn es um das Verabreichen von Medikamenten geht, und darüber hinaus gut beobachten können – beispielsweise, wenn sich der bekannte Klient in seinem Verhalten und seinem Gesundheitszustand plötzlich verändert. Auch Freude am Organisieren ist als Heilerziehungspfleger von Vorteil.
Während der Ausbildung verdient ein Heilerziehungspfleger im ersten Jahr knapp 1.200 Euro brutto im Monat. In den folgenden beiden Jahren sind monatlich etwa 1.250 und 1.350 Euro Bruttomonatsgehalt zu erwarten. Danach kann er mit einem Einstiegsgehalt von etwa 2.900 Euro brutto im Monat rechnen. Langfristig ist ein Bruttomonatsgehalt von knapp 4.000 Euro realistisch. Dieses ist jedoch von der Größe des Betriebs und dessen Standort abhängig. In Baden-Württemberg beispielsweise liegt das Gehalt höher als in Sachsen.
Als Heilerziehungspfleger gewöhnungsbedürftige Arbeitszeiten
In Lichtenstern selbst dürfen sie alles machen, was sie sich zutrauen, sagen Domenik Grußmann und Stephanie Rakotoniaina. „Wir werden aber nicht ins kalte Wasser geworfen, sondern erhalten viel Anleitung in der Praxis.“ Und was ist nicht so toll? „Mit den Arbeitszeiten muss man sich halt anfreunden. Der Frühdienst beginnt um 6.30 Uhr, der Spätdienst geht bis 21 Uhr.“ Und naja, der infrastrukturelle Anschluss im Wald bei Löwenstein in der Nähe von Heilbronn sei sicher verbesserungswürdig – auch für die Klienten. Aber der Job, der ist für Stephanie Rakotoniaina und Domenik Grußmann „genau der Richtige“.
Von Stefanie Pfäffle


