Wer auf Ausbildungsplatz-, Praktikums- oder Jobsuche ist, kennt das Gefühl: Die Bewerbung ist verschickt, die Hoffnung groß – und dann kommt entweder eine Absage oder im schlimmsten Fall gar keine Antwort. Gerade für Berufseinsteiger kann das frustrierend sein. Wie gelingt es, trotz Rückschlägen motiviert zu bleiben?
Darüber hat mein-sprungbrett.de mit Michael von Kunhardt gesprochen. Der Mentalcoach und Autor beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen mentale Stärke, Motivation und Selbstvertrauen. Er selbst hat 15 Jahre lang in der Hockeybundesliga gespielt und war mit der Mannschaft mehrmals Deutscher Meister.
Was passt eigentlich zu mir?
Viele Menschen bewerben sich laut von Kunhardt vor allem mit einem Ziel: möglichst schnell einen Job zu bekommen. Jedoch sollte man sich im Voraus eigentlich erstmal etwas anderes fragen: Passt dieser Job überhaupt zu mir? „Viele unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten oder machen sich zu wenig Gedanken darüber, was sie wirklich gerne tun“, sagt der Mentalcoach. „Sie bewerben sich irgendwo, nur, um irgendetwas zu bekommen und wundern sich dann, wenn nicht einmal eine Antwort kommt.“
Statt wahllos Bewerbungen zu verschicken, empfiehlt er deshalb, sich zunächst mit den eigenen Interessen, Stärken, Begeisterungen und Wünschen auseinanderzusetzen. „Hilfreich ist es auch, dass man sich klarmacht, was man auf keinen Fall will.“ Wer ein konkretes Ziel oder eine Vision vor Augen habe, könne Rückschläge besser einordnen.

„Dabei geht es nicht darum, unrealistische Träume zu verfolgen. Wichtig ist immer auch ein ehrlicher Realitätscheck: Bringe ich die Voraussetzungen mit? Und welche Fähigkeiten muss ich noch entwickeln?“ Dass der Arbeitsmarkt aktuell stark umkämpft sei, mache es für junge Menschen natürlich deutlich schwieriger als noch vor ein paar Jahren.
Was tun, wenn Absagen kommen?
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erleben viele Bewerber mehrere Absagen hintereinander. Für die Psyche kann das unheimlich belastend sein. Von Kunhardt rät dazu, Person und Situation voneinander zu trennen. „Eine Absage sagt nichts über den Wert eines Menschen aus.“ Umso wichtiger sei es, sich auf keinen Fall entmutigen zu lassen und dran zu bleiben – andernfalls drohe eine Negativspirale.
„Häufig ist es so, dass sich Bewerber viel zu schnell ins Bockshorn jagen lassen. Sie sagen sich: Ich bin halt nicht geeignet und machen sich zu wenig Gedanken: Was könnte der Gewinn aus einer Absage sein?“ Es helfe, sich zu fragen: Welche Zusatzqualifikationen brauche ich? Gibt es Praktika oder andere Wege, um Erfahrungen zu sammeln? Statt sich in die Opferrolle zu begeben, sei es wichtig, herauszufinden, was man besser machen kann.
Ghosting im Bewerbungsprozess: Wenn gar keine Antwort kommt
Neben klassischen Absagen sorgt unter vielen Bewerbern heutzutage noch ein anderes Phänomen für Frust: Ghosting. Wochenlange Funkstille, keine oder sehr verspätete Rückmeldungen oder standardisierte Absagen nach monatelangem Warten: Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts Appinio im Auftrag von Indeed erhielten im vergangenen Jahr knapp zwei Drittel der Bewerber keinerlei Rückmeldung, fast 80 Prozent sagen, Ghosting habe zugenommen.
Von Kunhardt kritisiert diese Entwicklung deutlich. Auch wenn Unternehmen heute oft eine große Zahl digitaler Bewerbungen erhalten, gehöre eine Rückmeldung aus seiner Sicht zu einem respektvollen Umgang miteinander. „Wer keine Antwort bekommt, sollte das auf keinen Fall persönlich nehmen. Häufig sind organisatorische Probleme oder automatisierte Prozesse die Ursache – nicht die Qualifikation der Bewerber.“
Selbstvertrauen ist der Schlüssel
Für den Mental-Coach steht fest: Das wichtigste Werkzeug im Bewerbungsprozess ist Selbstvertrauen. „Das kann ich aufbauen, indem ich mir eine gute Körperhaltung aneigne oder indem ich positive Visualisierungen mache – sprich: dass ich mir ein positives Endergebnis vorstelle.“ Auch Selbstsuggestion, Mantras oder Meditation können das Selbstvertrauen stärken. „Was ebenfalls als Strategie bei Absagen hilft, sind die sieben Säulen der Resilienz.“

Diese lauten: „Erstens: Optimistisch bleiben. Zweitens: Akzeptanz dessen, was gerade eingetreten ist. Drittens: Lösungsorientierung. Viertens: Raus aus der Opferrolle. Fünftens: Verantwortung übernehmen. Sechstens: Netzwerke aufbauen. Siebtens: Zukunft planen.“
Lücken im Lebenslauf sind heute weniger problematisch
Was vielen jungen Menschen ebenfalls Sorgen bei der Bewerbung macht, sind Lücken im Lebenslauf, die möglicherweise schlecht beim zukünftigen Arbeitgeber ankommen könnten. „Im Gegensatz zu den früheren Generationen ist das bei den Jüngeren heute ein viel größeres Thema“, sagt Von Kunhardt. „Früher hat man einen Job oft 30 oder 40 Jahre lang gemacht. Heute ist das völlig anders. Man wechselt seinen Beruf in der Regel noch fünf bis sechs Mal.“
Lücken im Lebenslauf würden lange nicht mehr so problematisch von Firmen gesehen wie früher. „Man muss sie nur gut begründen können.“ Ob in Form eins Gap Years, einer Fortbildung oder eines ehrenamtlichen Engagements: Wichtig sei es, die berufliche Auszeit sinnvoll und gewinnbringend zu gestalten. „Nur zu Hause rumzuhängen ist hingegen natürlich nicht so prickelnd.“
Persönliche Kontakte als Türöffner nutzen
Nicht unterschätzen dürfe man persönliche Kontakte. Diese können oft ein Türöffner in eine Branche oder in eine Firma sein. „Wer beispielsweise nach dem Studium nur Absagen für Jobs erhält, dem würde ich empfehlen, erstmal ein Praktikum zu bekommen.“ So habe man bei einem Unternehmen schon mal „den Fuß in der Tür“ und erhöhe seine Chancen, dort für eine Festanstellung übernommen zu werden. „Oder man unternimmt mit seinen neuen Qualifikationen einen neuen Anlauf.“
Von Sina Alonso Garcia


