Verantwortung übernehmen und bedürftigen Menschen helfen: Wer sich nach der Schule für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) entscheidet, stärkt nicht nur seine sozialen Kompetenzen, sondern lernt fürs Leben. Davon sind Phil Schietinger und Kathrin Mauch, Koordinatoren FSJ im Bereich Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe beim Arbeiter-Samariterbund (ASB) Heilbronn-Franken, überzeugt. Ihr eigenes FSJ liegt jeweils über 20 Jahre zurück. Für beide markierte der Freiwilligendienst den Startschuss für eine Karriere beim ASB.
„Natürlich fordert die Arbeit einen – aber man bekommt unheimlich viel zurück“, sagt Schietinger. Gemeinsam mit Mauch koordiniert er die Einstellung von FSJlern an drei Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) im Landkreis Heilbronn:
- Kaywaldschule in Lauffen
- Astrid-Lindgren-Schule in Neckarsulm
- Hermann-Herzog-Schule in Heilbronn
„Pro Jahr stellen wir etwa 60 FSJler ein. Der Bedarf ist groß“, so Schietinger. Alleine an der Astrid-Lindgren-Schule gebe es 31 Klassen, die jeweils einen FSJler benötigen.
Betreuung von beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen
An der Kaywaldschule und der Astrid-Lindgren-Schule begleiten die Freiwilligen Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Dazu gehören Entwicklungsverzögerungen, Autismus oder schwere Mehrfachbehinderungen. An der Hermann-Herzog-Schule kümmern sich die FSJler um Schüler mit einer Sehbehinderung.
„Die Kinder werden vom Schulkindergarten bis zur Oberstufe betreut“, erklärt Schietinger. „Die FSJler dürfen dabei oft mitentscheiden, ob sie lieber mit kleineren Kindern oder eher mit Jugendlichen arbeiten möchten.“
Intensive theoretische Begleitung während des FSJ
Viele Bewerber hätten anfangs Respekt vor der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen. Deshalb werde niemand allein gelassen „Die FSJler bekommen eine intensive Einführung und sind während dem FSJ insgesamt fünf Wochen auf Seminaren“, sagt Kathrin Mauch. „Da geht es um Themen wie Autismus, ADHS oder Epilepsie – aber auch ganz praktische Dinge wie Rollstuhltraining oder den Umgang mit Hilfsmitteln.“ Auch seien Mauch und Schietinger mindestens dreimal in der Woche zur Unterstützung in den Schulen vor Ort.

Die FSJler begleiten Kinder morgens vom Schulbus ins Klassenzimmer, helfen im Unterricht, begleiten Sport- und Schwimmunterricht oder unterstützen einzelne Schüler mit höherem Förderbedarf. „Man begleitet quasi den ganzen Schulalltag“, sagt Schietinger.
Keine Vorkenntnisse nötig – „Berührungsängste sollte man aber nicht haben“
Spezifische Vorkenntnisse oder ein Schulabschluss seien nicht notwendig. „Eigentlich braucht man vor allem Offenheit“, sagt Mauch. „Und man darf keine Berührungsängste haben.“ Zum Alltag gehören nicht nur Unterrichtsbegleitung oder Pausenaufsicht. „Teilweise werden auch pflegerische Aufgaben wie Füttern oder Unterstützung beim Toilettengang sowie Windeln wechseln übernommen.“
Die Klassen an den SBBZs seien bewusst klein gehalten – meist mit sechs bis acht Kindern pro Klasse. „Die Kinder bauen wirklich Bindungen zu den FSJlern auf“, sagt Mauch. „Deshalb ist Zuverlässigkeit bei uns auch so wichtig.“
FSJ als Orientierung fürs Leben
Viele junge Menschen nutzen das FSJ als Orientierungsjahr. Manche wissen bereits, dass sie später im sozialen Bereich arbeiten möchten. Andere brauchen erst einmal Abstand von Schule und Prüfungsstress. „Wir haben Leute, die danach Heilpädagogik studieren oder eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger machen“, sagt Schietinger. „Aber wir haben genauso welche, die später Jura studieren oder zur Polizei gehen.“
„Viele kommen zu uns und sagen: Ich habe eigentlich gar keine Ahnung, was ich machen will“, sagt Mauch. „Und nach ein paar Monaten merken sie plötzlich: Genau das liegt mir.“ Allein im vergangenen Jahr hätten sich über 15 ehemalige Freiwillige anschließend für eine Ausbildung im sozialen Bereich entschieden. In manchen sozialen Berufen sei ein FSJ sogar Voraussetzung.
Einstieg jederzeit möglich – FSJ für manche „ein Plan B“
Eine Besonderheit: Sein FSJ beim ASB kann man nicht nur im Sommer starten. „Wir stellen das ganze Jahr über ein“, sagt Schietinger. „Immer zum 1. und zum 16. eines Monats.“ In den Sommermonaten, in denen viel Bedarf an Arbeitskräften bestehe, könne man sogar „über Nacht“ einstellen. Dafür sei es lediglich erforderlich, dass die Bewerber das Online-Bewerbungsformular ausfüllen.

„Manche bekommen erst spät Absagen von Ausbildungsstellen und merken dann plötzlich: Ich brauche noch einen Plan B“, so Mauch. „Dann können wir teilweise wirklich innerhalb weniger Tage einstellen.“ Wer nach der elften Klasse von der Schule abgeht und im Anschluss ein FSJ absolviert, hat danach automatisch die Fachhochschulreife erworben – ebenfalls für viele ein Anreiz.
581 Euro Taschengeld plus Zuschüsse
Die Freiwilligen erhalten beim ASB aktuell 581 Euro Taschengeld pro Monat. Zusätzlich gibt es ein Deutschlandticket sowie – bei eigener Wohnung – einen Wohnkostenzuschuss von 285 Euro. Auch Bewerbungen aus dem Ausland seien keine Seltenheit. „Vor allem aus Madagaskar oder Indien kommen immer wieder junge Menschen zu uns“, berichtet Schietinger.
Was Schietinger und Mauch nach all den Jahren immer wieder begeistert, ist die besondere Atmosphäre an den Schulen. „Gerade die kleinen Fortschritte oder extrem dankbaren Reaktionen der Schüler sind für viele FSJler prägende Erfahrungen“, sagt Schietinger.
Verantwortung, Selbstständigkeit und Lernen fürs Leben
„Viele kommen anfangs sehr unsicher zu uns“, ergänzt Mauch. „Und nach ein paar Monaten wachsen sie über sich hinaus. Das ist für uns wirklich schön zu sehen.“ Das FSJ sei aus ihrer Sicht weit mehr als nur ein Überbrückungsjahr. „Es ist oft wirklich ein Sprungbrett ins Leben. Die jungen Leute lernen Verantwortung, Selbstständigkeit und den Umgang mit Menschen.“
Übrigens: Damit es anerkannt wird, muss ein FSJ mindestens sechs Monate dauern, maximal sind 18 Monate möglich. Bewerben kann sich jeder ab 16 Jahren. „Die meisten unserer FSJler sind zwischen 17 und 20 Jahre alt“, sagt Mauch. „Wer älter als 27 ist, absolviert den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Wir hatten auch schon mal eine Frau mit 68, die es als Überbrückung zur Rente gemacht hat.“
Berufsberatung lässt FSJ oft außer acht
Ein Problem laut Schietinger und Mauch: Während die Berufsberatung jungen Menschen häufig klassische Wege wie Ausbildung oder Studium empfehle, werde das FSJ viel zu selten aktiv angesprochen. „Viele denken einfach: Ausbildung oder Studium ist das Einzige, was zählt.“
Dabei erleben die beiden Koordinatoren des ASB Heilbronn-Franken jedes Jahr, wie prägend ein FSJ sein kann – sowohl beruflich als auch persönlich. Und manche finden dabei sogar ihren späteren Beruf. Weitere Informationen zum FSJ beim ASB Heilbronn-Franken sowie zur Bewerbung gibt es über die offizielle Website des ASB Heilbronn-Franken.
Von Sina Alonso Garcia


